Wir appellieren mit unserem Beten, Bitten und Betteln

Fast 50 evangelisch-reformierte Kirchengemeinden haben am 3. Adventssonntag in ihren Gottesdiensten für den Frieden in Syrien gebetet. Kirchenpräsident Martin Heimbucher predigte in Wielen in der Grafschaft Bentheim in einem Gottesdienst auf einem Weihnachtsmarkt: „Wir rufen und klagen und bitten und schreien gemeinsam zu Gott, weil Krieg, Zerstörung und Gewalt uns sonst die Sprache verschlagen. Nicht die namenlose Gewalt soll das letzte Wort in dieser Welt behalten“, sagte er


Ein Bericht aus Wielen von Gerhard Herrenbrück
Die große Scheune auf dem Heidegut Wielen vermag kaum die vielen Besucher zu fassen, die sich dort zum Friedensgottesdienst zusammengefunden haben. Entlang der Kreisstraße steht eine kilometerlange Schlange mit parkenden Autos. Der Linien-Bus bringt die letzten Gäste, die, von den Ordnern dirigiert, noch schnell in die Gottesdienstscheune hineinschlüpfen. Der idyllische Weihnachtsmarkt mit seinen Handwerkskünsten und bunten Ständen schweigt zu dieser morgendlichen Gottesdienststunde.

Dafür erklingt in der Holzscheune, die wie ein perfekter Resonanzkörper wirkt, ein ganz anderer Ton: Die Kirchenband aus Uelsen legt los, der Gottesdienst beginnt. Die Kindergottesdienstkinder zünden das dritte Licht am Adventskranz an. Die Vertreter der Geistlichkeit mit dem reformierten Kirchenpräsidenten in der Mitte ziehen ein. Und bald steigt durch das Gebälk der Scheune ein Hilferuf gen Himmel empor angesichts des Kriegs und der Not in Syrien: „Ach dass Du den Himmel zerrissest und führest herab.“

Über diesen verzweifelten Aufschrei aus dem gewaltigen Psalm im 63. und 64. Kapitel beim Propheten Jesaja predigt Kirchenpräsident Heimbucher. Und er füllt dieses „Biblische Gebet“ aus mit den bedrückenden Nachrichten aus dem zerstörten Aleppo, setzt das Bibelwort in den Kontext des gegenwärtigen Schreckens in diesem „geschundenen Land“. Hat Gott sich abgewendet? Ist er „unbekannt verzogen“? Millionen sind geflohen oder im Bombenhagel umgekommen. Und die Welt sieht zu. Sind wir verlassen von Gottes gutem Geist?

Ein großes „Warum“ schleudert dieses biblische Gebet zum Himmel. So wie auch Jesus am Kreuz. Doch dieser Psalm ist nicht nur Klage, sondern auch Appell an Gott den Erbarmer, dem der Mensch vertrauen darf. Nicht Gott hat sich von Syrien abgewandt und das Land zerstört, sondern unsere Bomben. Wer sich auf Gott beruft, muss sich in der gegenwärtigen politischen Weltlage auf die Seite derer stellen, die das Schweigen der Waffen fordern, so der Kirchenpräsident.

Seine Zuhörer sind gepackt. Die altreformierten und reformierten Gemeindemitglieder aus dem Kirchspiel Uelsen nicht minder als ihre Gäste aus nah und fern, von denen es etliche gibt. Aus Holland und Ostfriesland kommen sie – und auch aus Syrien. Und diese Gäste können weiß Gott mitreden über das, was der Prediger sagt. Denn sie stammen aus den betroffenen Kriegsgebieten, sind der Hölle des Krieges und des Terrors entflohen.

Im Gottesdienst kommen sie vor. Nicht nur in der Predigt des Kirchenpräsidenten, sondern auch in den Berichten von Betroffenen, die in die Liturgie aufgenommen worden sind. Sie werden von zwei Mitgliedern aus dem Asylkreis Uelsen vorgetragen, einem Mann und einer Frau aus dem Libanon. Darin ist die Rede von einem jungen syrischen Ingenieur, der sich ganz bewusst in seiner völlig zerstörten christlichen Kirche trauen lässt – als ein Zeichen dafür, dass das Leben stärker ist als der Tod. Oder es wird von einem Syrer erzählt, der über die Balkanroute nach Deutschland geflohen ist, weil er in Syrien zum Militär und in den Krieg sollte, und nun hier in einem Dorf an der Grenze zu den Niederlanden gelandet ist. Jetzt hofft er auf den Umzug in eine größere Stadt, um mehr Kontakt und Lebenschancen zu haben.

In Syrien gibt es 43 Gemeinden mit 12.000 evangelischen Christen in reformierter Tradition. Seit einem Jahr besteht eine Partnerschaft zur reformierten Landeskirche. Pastorin Sabine Dreßler vom reformierten Bund in Hannover war in diesem Jahr zu zwei Partnerschaftsbesuchen in Syrien. Die reformierten Christen dort wünschen sich, dass wir in Europa mehr über sie erfahren, sagt die reformierte Pastorin. So entstand der Plan, eine Brücke zu schlagen zwischen den Reformierten in Deutschland und in Syrien mit einem gemeinsamen Gottesdienst am dritten Advent. Der hier wie dort gleich aufgebaut ist. In dem – jeder in seiner Sprache – über den gleichen Text gepredigt und gleiche Lieder gesungen werden. So spannte sich an diesem dritten Advent ein Bogen über die reformierten Christen in Wielen und in Wybelsum; in Schüttorf und im Westen von Aleppo, in Leer und in Latakia. In 43 Gemeinden in Syrien und im Libanon und in fast 50 in der reformierten Landeskirche in Deutschland.

© Grafschafter Nachrichten, 12. Januar 2016


Die Predigt als pdf zum Nachlesen

Zum gemeinsamen Gottesdienstentwurf

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